Sonntag, 5. Mai 2013

Kindergeburtstag of Death

Unser Sohn Vincent ist kürzlich sechs Jahre alt geworden und an uns Eltern war es, zum dritten Mal einen Kindergeburtstag auszurichten. Ein solches Ereignis hängt bereits Monate zuvor wie eine dunkle Wolke über mir. Vor dem ersten Mal war es eine Ahnung, danach Erfahrung.

Als Jüngster in seiner Kindergartengruppe war Vincent bereits bei fast jedem anderen Kind Geburtstagsgast gewesen, als sein vierter Geburtstag anstand. Da fanden wir es nur fair, alle Kinder, die er besucht hatte, zum eigenen Geburtstag einzuladen. Ach was, alle Freunde, auf ein paar mehr kam es nun auch nicht an.

Acht Kinder wollten zum 4. Geburtstag bespaßt werden. Die Wetterprognose war günstig, wir konnten im Garten feiern. Keine Kleckerei im Haus – das ist doch schon etwas. Es gab am Nachmittag Kuchen, später ein Abendbrot aus der Konserve und die Zeit dazwischen musste irgendwie überbrückt werden. Die Kinder würden sich schon beschäftigen, hatte ich gedacht. Weit gefehlt, Animateure wurden benötigt. Oma und Opa wurden von ihren Wachposten an den Gartentoren abgezogen, um sich mit den Kleinen zu beschäftigen. Ich selbst musste das wilde Tier auf dem Trampolin spielen. Stundenlang. Die Zeit verging nicht, vielleicht auch deshalb, weil meine Uhr stehen geblieben war. Was für ein Schreck, als nach zwei Stunden Tobens keine halbe Stunde vergangen zu sein schien.

Zum 5. Geburtstag stand für mich fest, dass wir uns eine Menge Stress ersparen konnten, wenn wir das Feiern Profis überließen. Also buchten wir einen Indoorspielplatz („Kuddeldaddeldu“) und mit zwei Autos brachten wir die wiederum acht Kinder dorthin. Um die Verpflegung mussten wir uns keine Gedanken machen, lediglich darauf aufpassen, dass jeder hin und wieder die Toilette aufsuchte. Hilfestellung gab meine Frau. Dennoch hatte ein Kind die Hose voll, aber die Eltern hatten Wechselsachen mitgegeben, weil damit gerechnet worden war. Die verlorenen Socken und ein Brillenglas eines anderen Kindes fanden wir wider Erwarten im Bällebad wieder (der Trick: barfuß in Bahnen durchwaten und mit den Füßen ertasten), so dass wir es vollständig und mit reparierter Brille seinen Eltern zurückgeben konnten.

Auf dem Weg zum Indoor-Spielplatz.

Im Großen und Ganzen war die Spielplatz-Lösung recht entspannt, und wir entschieden uns dieses Jahr erneut dafür. Was sollte passieren? Die Kids sind wieder ein Jahr älter. Sollten in der Lage sein, Gummibärchen aufzuessen, bevor sie in der Hand schmelzen (Irrtum). Und sollten wissen, wann sie die Toilette aufzusuchen haben (Irrtum).

Der Nachmittag begann planmäßig. Die Kinder hatten ihren Spaß, ich hatte meine Ruhe. Lediglich ein umgestoßener Getränkebecher beschäftigte uns eine Weile (man muss hier sehr gründlich aufwischen, weil die Kinder nur in Socken laufen), während den Kindern beim Spielen der Schweiß von den Stirnen lief („Fass mal meine Haare an, wie nass die sind!“ - „Och nö.“).

Ich sah bereits Licht am Ende des Tunnels, als meine Frau es jäh mit einem von der Toilette entsandten Hilferuf löschte. Ein Junge war, sagen wir, auf dem Weg zur Toilette gewissermaßen auf der Zielgeraden gestrauchelt. Es fehlten nur Sekunden. Und nein, er hatte nicht nur Pipi gemacht...

Die Bodenfliesen mussten jedenfalls gereinigt werden, das Kind benötigte eine Unterbodenwäsche und neue Kleidung. Hier zahlte sich aus, dass die Kinder nur Socken an den Füßen trugen, sonst wären auch neue Schuhe fällig geworden. Die einfachen Aufgaben übernahm meine Frau. Die Kleidung habe ich besorgt. So sah man mich durch das Chemnitz-Center joggen, eine H&M-Verkäuferin um Hilfe anflehen („Geben Sie mir die billigsten Socken, Hosen und Schlüpfer in Größe 122. Es eilt.“) und beim DM Waschlappen kaufen („Guten Tag. Wo liegen die Feuchttücher?“ - „Wofür?“ - „Popo.“).

80 Tücher gegen ein Malheur

Nach dem Fest ist vor dem Fest. Die dunkle Wolke schwebt also bereits wieder über mir. Ich denke darüber nach, wie man den Stress weiter reduzieren kann. Für gute Ideen bin ich dankbar. Es bleiben nur noch elfeinhalb Monate...

Samstag, 23. März 2013

Schule 2025: Programmieren statt Hauswirtschaft

Mein Sohn wird dieses Jahr eingeschult. Mental habe ich mich darauf bereits vorbereitet. Das Lehrerhasserbuch steht im Bücherregal und ich habe etwas Geld beiseite gelegt. Wofür? Für ein iPad, auf welches die Schulbücher geladen werden können. Außerdem soll er seine Apps darauf testen, die im Unterricht programmiert werden. Irgendwann muss es ja soweit sein. Ein Blick nach vorn.

Vor Jahren hätte ich einen teuren Schulranzen gekauft, der das Gewicht der Holzfibel und der Hefte ergonomisch auf dem Rücken verteilen musste. Heute ist das dank moderner Technik nicht mehr nötig. Ein gesundes Frühstück, die Sportkleidung und das Tablet fallen kaum in's Gewicht.

Wann immer es Sinn hat, setzt die Klassenlehrerin, eine digital native übrigens, diese Technik ein. Interaktionen und Multimedia reichern den Unterricht an. Sogar die Hausaufgaben machen Spaß. Die preisgekrönte Übungssoftware des Bildungsministeriums stellt sich auf die Schüler ein und erkennt individuelle Stärken und Schwächen. Sie motiviert anstatt zu quälen und erstellt ein Leistungsprofil, welches es gestattet, jeden Schüler persönlich zu fördern. Wer die basic skills erworben hat, übt auf einem höheren Level, als derjenige, der sich noch mit den Grundlagen müht.

Diktate und andere Tests werden weitgehend automatisch bewertet. Der Unterricht wird von einer Bildungsredaktion zentral erstellt, laufend aktualisiert und den Lehrern als Lehrplanmodul elektronisch zur Verfügung gestellt. Veraltete Lehrpläne gibt es nicht. Die Pädagogen haben Zeit für mehr schülerbezogene Förderung, für eigene Weiterbildungen und für fakultative Angebote für ihre Schüler. Nachhilfe-Zirkel gehören mangels Nachfrage der Vergangenheit an.

Da alle Kinder bereits in der Kita Englischstunden genommen haben, wird der Sprachenunterricht in der ersten Klasse konsequent fortgesetzt. Froh bin ich darüber, dass das Erlernen einer zweiten Fremdsprache nicht mehr Voraussetzung für die Abiturzulassung ist. Nur englisch, aber intensiv, lautet die Devise. Welche Zeit habe ich selbst im Russischunterricht vergeudet, meinem Sohn bleibt das erspart.

Nach vier Jahren computergestützten Unterrichts beherrschen die Kinder ihre Geräte perfekt. Keines käme auf die Idee, ein papierenes Hausaufgabenheft zu führen, niemand zersticht noch mit einem Zirkel seine Schreibtischplatte.

Mit der fünften Klasse ist es an der Zeit, aus den kleinen Anwendern Entwickler zu machen. Die erste Programmiersprache wird gelehrt. Einfache Programme entstehen, um interessante Aufgabenstellungen aus den naturwissenschaftlichen Fächern zu lösen. Mit der Zeit entwickeln die Schüler komplexe Projekte, zu denen jeder, seinen Neigungen entsprechend, beiträgt. Kaum zu glauben, dass in der Vergangenheit im Schulfach Hauswirtschaft Kochen, Nähen und Putzen gelehrt wurde.

Den Schülern gibt man Zeit zum Forschen und Ausprobieren. Volle Unterrichtstage gelten einem Projekt, ohne dass der Pausengong im Dreiviertelstundentakt unterbricht. Zusätzliche Zeit wurde dadurch gewonnen, dass man die Schulfächer Geschichte, Musik, Religion und Ethik zu einem Fach zusammengefasst hat, welches jetzt "Kulturgeschichte" heißt.

Wenn die jungen Erwachsenen mit ihrem Realschulabschluss oder dem Abitur die Schule verlassen, stehen ihnen die Türen von Unternehmen und Hochschulen offen. Sie verfügen über Kompetenzen, welche früher nur einem Teil der Absolventen vorbehalten war. Sie haben ein hohes Maß an Selbstbewusstsein, an Selbstorganisation, an Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge und an wissenschaftlich-technischem Wissen. Ihre Wege führen sie in eine technologische Zukunft, viele werden Forscher, Entwickler und Entrepreneure. Ihre Entwicklungen und unternehmerischen Erfolge bringen Deutschland Wohlstand und ihnen selbst.

Dabei war das Land bereits auf dem Weg in die Dienstleistungsgesellschaft.
Die Zukunft roch nach Altenpflege. Selbst Mondlandschaften sollten touristisch erschlossen werden für eine Handvoll schlecht bezahlter Jobs. Und wir glaubten, mit Infrastruktur Wirtschaft anzulocken.

Doch Bildung war der Schlüssel. Die Sachsen waren die ersten, die ihr Bildungssystem radikal nach den Erfordernissen des Marktes ausgerichtet haben. Das war der Aufbruch in die Technologie- und Wissensgesellschaft. Bildung war der Rohstoff, der alles andere nach sich zog.

Daran würde ich mich gern erinnern.

Freitag, 25. Januar 2013

Viele Köche...

Am vergangenen Sonntag, dem 20.01.2013, fand das 1. Bornaer Glück-Auf-Turnier statt. Das Hallenfußballturnier des Bornaer SV 91 war zweifellos eine der schönsten Veranstaltungen, welche die junge Glück-Auf-Sporthalle bislang erlebt hat: ausverkauftes Haus, Fanblöcke in Feierlaune, schnelle Spiele und ein schönes Pausenprogramm.

Das Turnierplakat


Als Gast sieht man nicht hinter die Kulissen, man merkt vom organisatorischen Aufwand nichts. Sicher, die meisten Sachen kann man als Organisator einfach abarbeiten. Für den Verein und seine Ehrenamtlichen ist das reine Fleißarbeit. Es gibt jedoch auch ein paar Hürden, die man nicht allein nimmt. Dann kann man sich glücklich schätzen, wenn man Partner findet, die einem unter die Arme greifen.




Bei besagtem Turnier hatten wir die BSG Chemie Leipzig als Stargäste eingeladen. Die Kalkulation ging auf, denn Chemie trug mit seinem Fanblock entscheidend dazu bei, die Halle zu füllen und für tolle Stimmung zu sorgen. Die 1. Mannschaft spielte auf sehenswert gutem Niveau und wurde schließlich Turniersieger.

Das sahen die Zuschauer.

Hinter den Kulissen lief folgendes ab: Mit der Anmeldung der BSG Chemie Leipzig wurde das Hallenturnier zum Sicherheitsspiel erklärt. Dem Veranstalter werden in diesem Fall Auflagen gemacht, unter denen das Turnier stattfinden kann. Letztlich geht es dabei um die Sicherheit der Gäste und Mannschaften. Und es geht um die Frage, wie viel Verantwortung (persönliche Haftung) man einem Vereinsvorstand aufbürden kann. Das Prozedere kann durchaus geeignet sein, den Veranstalter von seinem Vorhaben abzubringen, also entweder die "heikle" Mannschaft auszuladen, oder das Turnier ganz abzusagen. In Borna ist das glücklicherweise nicht passiert.

Daran haben das Ordnungsamt von Borna und die Polizei einen entscheidenden Anteil. Das Ordnungsamt, weil dessen Mitarbeiterinnen in der Sicherheitskonferenz sachlich und vernünftig alle Beteiligten (inkl. Vereinsvorstand und mich als Vertreter des Sponsors) einbezogen hat, mit dem Vorsatz, Rahmenbedingungen zu schaffen, die für größtmögliche Sicherheit sorgen und für den Organisator erfüllbar sind.

Die Polizei, weil auch sie die Anwesenden ausdrücklich ermutigte, das Turnier durchzuführen und Vereinsvorstand und Ordnungsamt kompetent beriet. Beim Verlassen der Konferenz war dem Vereinspräsidenten klar: wir ziehen das durch und wir freuen uns auf Chemie.


Feiernde Chemie-Fans


Auch bei einem anderen Thema waren wir auf Hilfe angewiesen. Damit die Spiele nicht ständig unterbrochen werden würden, sollte mit Vollbande gespielt werden.

Die Zuschauer erlebten schnelle Spiele innerhalb einer Vollbande.

Das Betonwerk Bad Lausick (BBL) besitzt eine solche Bande. Veranschlagte Aufbauzeit: zwei bis drei Stunden mit acht Helfern, Abbauzeit etwas kürzer. Nun hätten wir gern die Elemente der Bande während der regulären Arbeitszeit der BBL-Mitarbeiter liefern und abholen lassen. Wegen eines Volleyballturniers, welches am selben Wochenende, ein Tag vor dem Glück-Auf-Turnier stattfand, war das nicht möglich. Außerdem musste die Halle Montag früh wieder für den Schulsport verfügbar sein. Also lieferte das BBL die Bande am Samstag, 19.00 Uhr, an und holte sie am Sonntagabend wieder ab. Ein vermeintliches Problem löste sich dank der Bereitschaft der BBL-Mitarbeiter in Luft auf. Bei Auf- und Abbau halfen die Spieler des Borner SV 91.


Das Spielfeld wird von einer Vollbande begrenzt - es gibt kein "Aus".

Dies sind nur zwei Beispiele, die deutlich machen, dass man etwas auf die Beine stellen kann, wenn die richtigen Leute mit anpacken. Viele Köche würzen den Brei. Vielen Dank dafür.

Auch bei dem nächsten großen sportlichen Projekt, an dem ich mich beteilige, müssen viele Menschen zusammenwirken, damit es funktioniert: es handelt sich um eine Lauf-Veranstaltung des Landkreises Leipzig auf der Autobahn A72 am 15.06.2013. Vorläufig sind geplant: 10-km-Strecke und Halbmarathon, Start ab Harthsee/Neukirchen. Ich bin bereits selbst mit einem Kollegen 14 km auf dieser, noch nicht für den Verkehr freigegebenen, Strecke gelaufen und würde dieses Erlebnis gern mit anderen Sportlern teilen.



Dienstag, 27. November 2012

Grüße, Jessica

Bis heute kannte ich Jessica nicht, obwohl man sagen kann, dass sie eine Prominente ist. Rund anderthalb Millionen Deutsche kennen sie, nämlich die Fans der Facebookseite des Lebensmitteldiscounters Lidl. Jessica ist dort der Kopf des Social-Media-Teams und sie ist auf "ihrer" Seite omnipräsent. Sie postet nicht nur die Marketingaktionen in der Chronik, sondern sie kümmert sich auch um die Beiträge erfreuter oder erboster Kunden, kurz: um das Beschwerdemanagement.


Anklicken, um die Lidl-Fanseite bei Facebook aufzurufen
Interessant und unterhaltsam ist es hier: Kunden posten auf der Lidl-Seite

An Traffic mangelt es unter den "Beiträgen anderer Nutzer" wahrlich nicht. Täglich werden hier Kunden aktiv. Wagen wir nur einen kurzen Blick in das Panoptikum (Beispiele von heute, 27.11.2012):

Neydera Letty Coat lobt die neue Katzenstreu über den grünen Klee ("es riecht nicht mehr nach katze in der wohnung"), Oliver Baumann meint an anderer Stelle "Ich finde es teuer und es Stinkt!"

Da ärgert sich Michaela Mayer über LIDLs Rückruf gemahlener Haselnüsse, weil sie diese bereits verbacken hat und ihre Lidl-Filiale nicht die Kosten für das nun umsonst verbrauchte Mehl erstatten will. Und Harry Schulz konnte seinen Tankgutschein nicht an der Autobahn-Tankstelle einlösen.

Vanessa Hetzel drischt nach einem technischen Defekt unbarmherzig auf Jessica ein ("Hauptsache das mit dem Gewinnspiel [superslide] hat nicht funktioniert, tolle verarsche hier!!"). Und den "Trossinger Lidl sollte man bei Regen meiden! Entweder ist die Regenrinne kaputt, oder nicht vorhanden." (Tom Wack)

Selbst Mitarbeiter wie Linas Ma Ma tracktieren Jessica mit Fragen, beispielsweise zum Weihnachtsgeld ("ob ich das bekomme auch wenn ich in Elternzeit bin").

Das ist user generated content. Danke für das Amüsement.

All dies beantwortet Jessica geduldig. Sie sorgt dafür, dass LIDLs Kunden eine qualifizierte Antwort, Hilfe oder Entschuldigung bekommen, teilweise sogar samstags und sonntags. In jedem ihrer Posts schließt sie mit einem freundlichen "Grüße, Jessica".

Ihre Allgegenwart hat mich zunächst glauben lassen, Jessica sei eine Kunstfigur, Berichten zufolge ist dem nicht so. Sie ist einfach eine enthusiastische Mitarbeiterin, die sich mit Herzblut um die Kunden kümmert - ein Vorbild.

Mittwoch, 21. November 2012

Das perfekte E-Paper

Mit dem Aus der Frankfurter Rundschau, dem bevorstehenden Ende der Financial Times Deutschland sowie weiteren Hiobsbotschaften für die Zeitungsbranche bekommt die Diskussion über das Zeitungssterben in Deutschland neuen Wind.

Über die Ursachen haben unter anderem Richard Guthjahr und Sascha Lobo umfangreiche Analysen abgeliefert, denen ich nichts hinzuzufügen habe. Stattdessen will ich an dieser Stelle als Branchenfremder über mein privates Nutzerverhalten und meine Vorstellungen von einer Zeitung im Jahre 2012 schreiben.

Erstens. Warum ich keine gedruckte Zeitung mehr möchte.

Die Gründe dafür sind banal, aber vielfältig. Es geht damit los, dass sich mein Briefkasten im Freien befindet. Vor dem Frühstück möchte ich das Haus nicht verlassen, schon gar nicht im Winter. Während des Essens mag ich die Zeitung nicht anfassen, denn von den Leuten, die sie bis dahin in den Händen hielten, hatte möglicherweise einer eine Erkältung. Außerdem färben die Zeitungen ab. Sowohl meine Tageszeitung, das ist die Leipziger Volkszeitung (LVZ), als auch beispielsweise der SPIEGEL hinterlassen ihre Spuren an den Fingern. Das ist unangenehm.

Jahrelang hatte ich die Printausgabe der WELT abonniert und die Lektüre wirklich genossen. Gestört hat mich jedoch das Format, welches mir aufnötigte, jeden Artikel zurecht zu falten, um ihn lesen zu können, ohne schwere Arme zu bekommen. Eine Anleitung für dieses Zeitungsorigami hatte einst die FAZ geliefert. Außerdem muss ich zum Lesen für gute Lichtverhältnisse sorgen. Das Blättern raschelt zu laut im Sauna-Ruheraum. Artikel wiederauffindbar abzulegen, ist ohne großen Aufwand unmöglich; in alten Zeitungen sinnvoll zu recherchieren, ebenso. Einen URL abzutippen, ist mühselig, da helfen auch QR-Codes nichts.

Die Inhalte der Printausgaben sind mindestens von gestern, die meisten Dinge (Überregionales) weiß ich bereits, wenn ich die Zeitung aufschlage. Da der Platz begrenzt ist, kommen anreichernde Abbildungen zu kurz.

Last but not least bin ich seit 2010 Besitzer eines iPad. Dieses ist seit der Anschaffung meine Informations-, Kommunikations- und Konsumzentrale. Ich will einfach meine Inhalte von diesem schönen, teuren Gerät ablesen.

Das ist alles banal, aber das hatte ich ja angekündigt.

Zweitens: Warum ich überhaupt bereit bin, für Inhalte zu zahlen.

Zum einen ist es die exklusive, lokale Berichterstattung, die mir nur meine Tageszeitung liefert. Diesen Content findet man in diesem Umfang nicht im freien Netz. Zum anderen sind es intelligente, ausführliche, unterhaltsame Berichte und Kolumnen, die eben nur der ausgebildete Journalist oder andere Talente zustande bringen. Nicht zu vergessen: bei einer seriösen Tageszeitung oder einem Nachrichtenmagazin kann ich auf den Wahrheitsgehalt der Story vertrauen. Journalismus ist eine Profession und die muss bezahlt werden, dafür erhalte ich Qualität.

Des Weiteren übernimmt die Redaktion eine Vorauswahl relevanter Themen. Durch ihre in sich abgeschlossene Struktur, lasse ich mich bei Zeitungen und Magazinen leiten. Das empfinde ich als bequem.

E-Paper der LVZ: trotz APP derzeit noch PDF-Abbild der Printausgabe

Darüber hinaus ist mir auch eine ausgezeichnete user experience etwas wert. Liefert ein Online-Abonnement lediglich die PDF-Ansicht der Printausgabe (LVZ), so ist das Lesen am Bildschirm die Hölle. Eine gut gemachte App, welche die Möglichkeiten des Gerätes (sei es ein Tablet, ein Smartphone oder der Computerbildschirm) ausreizen, machen die Lektüre erst zum Genuss.

Screenshot aus der LVZ-SONNTAG-APP: gut lesbare Artikel mit Multimedia angereichert

Beispiele für gute Umsetzungen sind für mich die iPad-App des SPIEGEL, die iPhone-App des SPIEGEL, die iPad-App der WELT und die SONNTAG-APP der Mediengruppe Madsack, die auch als iPad-App LVZ SONNTAG erscheint. Hier macht das Lesen einfach Spaß.

SPIEGEL-Kauf in der iPad-App: teurer, als die Printausgabe

Drittens: Wie für mich das perfekte E-Paper aussieht.

Die perfekte Zeitung ist mit Leidenschaft gemacht. Das gilt sowohl für die technische Umsetzung als auch für die Inhalte. Das gilt bereits für die Printmedien. Ich habe auch nicht das Bedürfnis, in der Onlineausgabe andere oder verkürzte Inhalte zu lesen, als in der Printausgabe. Im Gegenteil, in den Anfangstagen der WELT-App hat es mich gestört, dass es die großen Seiten füllenden Essays dort nicht gab. Nur, weil ich am Bildschirm lese, heißt das nicht, dass ich mich nicht in ein Thema vertiefen will. Wäre das so, wären E-Books erfolglos. Jede Zeitung hat ihr Profil, anhand dessen wähle ich sie aus. Das hat für mich nichts mit online/offline zu tun.

Wohl aber das Nutzererlebnis, welches für mich nach dem Inhalt eine sehr hohe Bedeutung hat. Dazu muss das Format der Artikel unbedingt am Lese-Device ausgerichtet sein. Im Landscape-Modus bedarf es Spalten wie in einer gedruckten Zeitung, wenn anderenfalls die Zeilen zu lang würden. Innerhalb eines Artikels gibt es nur eine Scrollrichtung. Infokästen (Interviews, Erläuterungen), die so gern mitten im Artikel abgedruckt werden, für die man aber den logischen Fluss des Textes unterbrechen würde, und sie deshalb doch erst liest, wenn man mit dem Artikel fertig ist, gehören an das Ende des Artikels. Struktur erhalten die Texte über Fotos und Abbildungen, durch Absätze, Listen und Weißräume. Jedes Foto kann bis auf Bildschirmgröße verlustfrei vergrößert werden, andernfalls ist es ein Ärgernis. Die Schrift ist relativ groß gewählt oder es wird eine Schriftgrößeneinstellung angeboten. Auch auf den Helligkeitsregler gibt es einen Direktzugriff in der App.

Startbildschirm der LVZ SONNTAG-App (iPad)

Bezüglich der Aktualität kann die Zeitung der Zukunft ihren Vorteil ausspielen. Fertig gestellte Artikel werden sofort zur Verfügung gestellt. Entweder gestaltet man das so fluide, dass laufend Artikel in den Äther gehen oder man wählt das Modell mehrerer Redaktionsschlüsse pro Tag, ich kann mir beides gut vorstellen.

Weitere Möglichkeiten zur Aufwertung des Nutzererlebnisses sind die aus Internetseiten und Social Media bekannten Funktionen zum Teilen, Liken und Kommentieren.

Übrigens wünsche ich mir, dass die Artikel werbefrei sind, weil Werbung meine Konzentration stört. Zwischen Artikeln und im Inhaltsverzeichnis lasse ich mir Werbung gefallen.

All diese Ideen sind nicht neu, nach meiner Erfahrung jedoch meist nur teilweise umgesetzt. Die Punkte dieses Absatzes habe ich in einer Mind Map zusammen getragen, unter anderem auch die Don'ts für ein E-Paper:

Mind Map E-Paper: zum Vergrößern Bild anklicken. Hier gibt's die PDF.

Eines noch:

Kopf hoch, Ihr Pressemacher! Der E-Paper-Markt wird wachsen. Qualität hat auch heute noch ihren Preis. Für mich hat der Qualitätsbegriff eine neue Komponente bekommen, die über den Inhalt hinausgeht. Das perfekte E-Paper wird Erfolg haben. Lasst Euch darauf ein!

Nachtrag (27.03.2013):

Lesenswerter Blogpost von Endreas Müller über sein Abenteuer, die Sächsische Zeitung (SZ) online zu lesen.

Dienstag, 23. Oktober 2012

Begegnungen in Hamburg

Darüber, dass Hamburg eine großartige Stadt ist, wurde sicher schon eine Menge geschrieben. Um die Sehenswürdigkeiten soll es in diesem Beitrag daher nicht gehen, sondern um die Menschen, mit denen wir Kontakt hatten. Wir - das sind unsere Nachbarn, meine Frau und ich. Am vergangenen Wochenende (19.10. - 21.10.2012) fuhren wir mit der Bahn von Leipzig nach Hamburg. Wir besuchten das Musical Tarzan, das Dungeons, die Speicherstadt, St. Pauli, den Park Planten un Bloomen. Wir hatten eine große Stadtrundfahrt im roten Doppeldeckerbus, eine große Hafenrundfahrt, eine Führung über Reeperbahn, Herbertstraße, Große Freiheit; und ein Bier im Safari. Unser Hotel war das Mercure. Alles kann ich weiterempfehlen, bis auf das Abendessen im Veermaster, einem Folklorelokal auf der Reeperbahn.

Straßenkünstler

Unsere erste interessante Begegnung hatten wir am Freitag auf dem Hamburger Hauptbahnhof. Nachdem wir am frühen Nachmittag mit dem Zug angekommen waren, hatten wir unser Gepäck in Schließfächer eingeschlossen, um ohne Ballast die Stadt- und die Hafenrundfahrt zu unternehmen. Als wir dieses später wieder abholten, um damit per SB-Bahn zum Hotel zu fahren, sprach uns ein junger Mann an und bot uns eine Gruppenfahrkarte für den Nahverkehr an. Seine Geschäftsidee: er kauft Abreisenden die Nahverkehrsfahrkarten ab, die noch eine nennenswerte Restgültigkeit besitzen, und verkauft sie Anreisenden mit einem Aufschlag weiter. Das funktioniert deshalb, weil in Hamburg die Tickets in der S-Bahn oder U-Bahn nicht entwertet werden. Die Idee ist wirklich klasse, da es dabei drei Gewinner gibt (ich sage nicht, dass es dabei nur Gewinner gibt). Leider waren wir Provinzlinge zu skeptisch und sahen vor unserem geistigen Auge bereits einen Ticketdealer mit unseren Portemonnaies davonlaufen.

Vielleicht waren seine Klamotten zu schmutzig. Möglicherweise war er nicht überzeugend genug oder es drängelte uns einfach die Zeit. Vielleicht wollten wir nicht auf einen vermeintlichen Nepp hereinfallen, der uns bei einer Fahrkartenkontrolle teuer zu stehen gekommen wäre. Wir nahmen sein Angebot nicht an. Stattdessen bot ich ihm zwei Euro als milde Gabe - auch dafür, dass er uns bei der Wahl des richtigen Tickets am Automaten behilflich war. Er nahm sie nicht an: "Das will ich nicht, da fühle ich mich schlecht."

Am Samstagmorgen schlenderten wir durch den Park "Planten un Bloomen", wo uns allein aufgrund unseres Dialekts leicht als Ortsunkundige Erkennbare eine wahre Welle der Hilfsbereitschaft entgegenschlug. Als wir einander fragten, wo der Japanische Garten sei, gab eine Iranerin Auskunft. Investigativ erfragte sie anschließend unsere Herkunft und ordnete diese korrekt als "hinter der Mauer" befindlich ein. Die Methode, sich lauthals in der Gruppe selbst nach dem Weg zu fragen, erwies sich übrigens im selben Park ein weiteres Mal als erfolgreich.

Interessant war auch die Begegnung mit einem Rentner, der mich ansprach, nachdem ich ihn auf dem Weg in die Speicherstadt beim Fotografieren fotografiert hatte. Er gab preis, dass er Teilnehmer eines Foto-Kurses sei. Sein Auftrag lautete, Menschen zu fotografieren, die ihm auf eine Frage mit "Nein" antworten. Leider habe ich die Frage vergessen. Als er mich gefragt hatte, habe ich wahrheitsgemäß mit "Nein" geantwortet und verneinend in sein Objektiv geschaut. Inzwischen wird sich sein Fotoclub wohl köstlich über die Grimassen des Tages amüsiert haben.

Spurensuche für den Foto-Kurs

Auch am Geocache an den Magellan-Terrassen blieben wir nicht unter uns. Gerade, als wir die Dose geborgen hatten, begann ein Cacherpärchen das Fernrohr zu untersuchen, unter dessen Podest sie befestigt war. Wir gaben den beiden das Logbuch in die Hand.

Mit Dir nimmt es ein schlimmes Ende. Dies prophezeite mir ein Betrunkener, an dem wir auf unserem Weg in den Stadtteil St. Pauli vorbeigingen. Überhaupt sahen wir einige Obdachlose, Bettler und Flaschensammler.

Bettlerin?

An der U-Bahn-Station Millerntorplatz auf St. Pauli trafen wir auf den ehemaligen (?) Zuhälter Hans Jürgen Schmitz, der heute im Alter von knapp 70 Jahren für Olivia Jones Touristen über die Reeperbahn führt, weil er vergessen hatte, in die Rentenkasse einzuzahlen, als die Zeiten noch besser waren. Früher war alles anders, Kinder. All seine Bekannten sind tot. Und bald wird die Ritze weggerissen. Leider Gottes.

Er schaffte es, seine Geschichten mit den Originalschauplätzen zu verbinden, die es noch gibt: der Boxring in der Kneipe "Zur Ritze" beispielsweise, die Davidwache und die Herbertstraße, Zutritt nur für Männer. Und er führte uns zu den Originalschauplätzen, die es nicht mehr gibt: das Café Miller ist nur noch eine Hülle (ein Buchstabe leuchtet noch) und irgend eine in den 1960ern angesagte Kiezdisco ist heute ein italienisches Restaurant, dessen Besitzer sich wundert, warum regelmäßig geführte Gruppen davor Station machen, ohne einzutreten.

Der Blonde Hans lässt sich nicht lumpen: Astra an der Esso-Tankstelle auf St. Pauli.

Dank Schmitz und eines Fünfeuroscheins pro Person erhielten wir Eintritt in ein Bordell und die Dienst habende Domina führte uns als Gruppe von zehn Männern mit in ihre Dachkammer. Dort nahm sie Platz auf dem Gestänge an der Kopfseite des Doppelbetts: "Was wollt Ihr wissen?" Da wir nun einmal zum Quatschen hier waren, stellten wir unsere Fragen. Wie alt sie sei (36), ob das Zimmer mit einem Panic-Button ausgestattet sei ("Ja, habe ich aber noch nie benutzt."), seit wann sie das mache (seit zehn Jahren, sie sei Quereinsteigerin mit konventionellem Berufsabschluss und Meisterbrief) und ob sie einen Zuhälter habe (hat sie). Sie habe einen Freund und Spaß an ihrem Job, was man aber nicht mit sexueller Erregung verwechseln solle. Wir verabschiedeten uns artig und beendeten mit Hans die Führung.

Die beiden letzten berichtenswerten Begegnungen ereigneten sich am Sonntag auf dem Hauptbahnhof, kurz vor der Abreise. Wir diskutierten gerade lautstark darüber, zu welchem Preis wir unsere Nahverkehrstickets verticken sollten und wurden nach dem Weg gefragt. Auf englisch. Von einer Deutschen. Diskriminierung vierer Sachsen.

Außerdem hatte ein junger Mann ein Problem mit seinem Handy, so dass er mich fragte, ob er mein iPhone benutzen dürfe. Wieder lief der Film im Kopf ab: ich übergebe das Telefon, Mann rennt damit weg. Sei nicht so provinziell, am Ende fühlt sich wieder einer schlecht. Ich übergebe das iPhone an den Heavy-Metal-Fan (Haare, Wacken-Band). Er ruft jemanden an, erreicht aber niemanden und gibt das Telefon zurück. Kurze Zeit später fragt er mich, ob er iMessage nutzen dürfe und setzt eine Nachricht ab. Natürlich rief der vergeblich Angerufene zurück, als wir im Zug saßen. Drei mal rannte ich, die Verbindung haltend, durch den Zug.

Montag, 10. September 2012

Chapali' chapala' e' arrivato Mustafa

Hier an den Stränden der Costa Rei, wo wir gerade unseren Sardinien-Urlaub verbringen, gibt es auch einige Strandverkäufer. Jeden Tag werden die Männer mit einem Kleinbus an den Strand gebracht. Bepackt mit Kleidern, Spielzeug, Tüchern, Hüten und Sonnenbrillen ziehen sie ihre Bahnen im Sand.

Größtenteils zurückhaltend sprechen sie die Strandbesucher mit "Vuoi comprare?" und "Uno Euro!" an. Dabei stellen sie sich schnell auf die Sprache der Kundschaft ein. Neben italienisch sprechen sie mindestens auch englisch und einige Wörter deutsch.


Im Gespräch mit einem Farbigen, welcher ständig den Vers "Chapali' chapala' e' arrivato Mustafa" vor sich hin singt, fanden wir heraus, dass er aus dem Senegal stammt. Andere Verkäufer muten asiatisch (Indien, Pakistan) an und ein Thailänder bot gestern sogar eine Fußreflexzonenmassage an.


Mittags ruhen die Männer abseits des Strandes im spärlichen Schatten. Nach ihrer Nachmittagsschicht werden sie vom Kleinbus wieder abgeholt. Nach unserer Beobachtung handelt es sich um immer den selben Trupp.


Es wird berichtet, dass mafiöse Strukturen den Strandverkauf organisieren. Es heißt auch, dass Carabineri nicht nur die Strandverkäufer vertreiben, sondern auch Käufer mit Bußgeldern belegten, da es sich bei den Artikeln um Schmuggelware oder Plagiate handeln soll. Wir haben dergleichen nicht erlebt. Eher haben wir den Impuls, den armen Seelen irgendetwas abzukaufen.